Die Wellblechtür

Zwischenjahreszeit 2019, Anjouan, Komoren.

Auf der Suche nach ein wenig Glück spazierte ich am Abend mit Habibi nach Patsy und klopfte an die Wellblechtür. Es war eine stürmische Nacht und Regen lag in der Luft, Razkinat umklammerte meinen Hand, als wir zusammen die Strasse wieder hinaufgingen. In der Stube war es so Dunkel wie im Garten, es hatte keinen Strom. Wir sassen bei einander und assen Kuchen. Ich lauschte wie Sie leise sang. Es war Mitternacht als wir aufwachten und uns Arm in Arm fanden.

Am Morgen trank ich meinen bitteren Aufgus mit Eukalytusblätter, der Bulbul verkündete sein schrilles Lied, das als einziges diese satte Lethargie meines Exils durchdrang. Die wuchtigen Korrespondenzen die mich von Zuhause erreichten, waren bald so überwältigend, dass ich sie eindämmte und meinen WhatApp Account kündigte. Die Stille die darauf einsetze war wohltuend und befreiend.
Kurz bevor Sonnenuntergang setze das ohrenbetäubende Zirpen der Zikaden ein. Mit äquatorialer Hast verschlang die Nacht den Tag und erhob sich das funkelnde Gestirn. Ein lauer Wind schob schwarze Wolken vor sich her und verbarg bald die Lichter am Himmelszelt. Ich hüllte mich in diese warme Dunkelheit.

Die Erdekugel drehte sich weiter vollständig um ihre Achse. Ich duschte mich, machte mich frisch und ging hinunter nach Patsy, um meiner neulichen Bekanntschaft einen Überraschungsbesuch zu machen. Mit dem üblichen Ruf „Hodi“ öffnete ich die Wellblechtüre und trat in den Hof. Razkinat schaute mich wortlos lächelnd an. Sie war dabei mit ihrer Cousine Essen zuzubereiten. Ohne zu zögern liessen sie ihr Projekt liegen und wir fuhren alle zusammen nach Mutsamudu. Halima teilte seit einigen Tagen das kleine Appartement mit Razkinat. Sie ist aus Grand Comore.
Wir verbrachten einen angenehmen Abend zusammen, assen Pizza und plauderten über Allerlei.
So begann ich die Beiden abends des Öfteren zu besuchen. Habibi sprang über die Mauer, wenn ich das Tor hinter mir schloss und folgte mir bis nach Patsy.
Ich brachte den Leuten Kartenspielen bei. Wir sassen im Kreis auf Kanistern und amüsierten uns. Das Leben unter den Bewohnern dieses Hüttenkomplexes begann mir zu gefallen.
Eines Abends stahl ich mich mit Razkina fort. Zusammen spazierten wir unter dem Sternenhimmel über den verlassenen Fussballplatz. Wenn ich mich jeweils wieder auf den Nachhauseweg machte, war Habibi schon längst dort angekommen.
Einsam legte ich mich in eines der leeren Betten und wartete auf den Schlaf.

Ich wollte wieder Basketball spielen und begab mich am Sonntagnachmittag ins Stadion. Meine Teamkollegen begrüssten mich herzlich und fragten nach meinem Verbleib. Die müssigen Tage des Nichtstuns bereute ich nun, da ich innert wenigen Minuten Training schon schweissgebadet war.

Sula versprach mir wieder zusammen auf Fischfang zu fahren. Ich stand um 5Uhr morgens auf, hatte alles vorbereitet, doch Sula kam nicht. Immer hatte er eine neue Ausrede bereit, bis ich irgendwann der Gedanke aufgab, dass ich mit ihm einen Fischer gefunden hatte.

Eines Sonntags fragte mich Razkinat, ob ich sie und Halima nach Paje fahre, das hinter Mutsamudu an der Küste lag. Der kleine Fluss der sich hier ins Meer ergab, war ein beliebter Waschplatz Vieler. Wir trugen zwei riesige Säcke voll Kleider den Wasserlauf hinauf und liessen uns an einer Krümmungen nieder, wo wir unbeobachtet zur Arbeit gehen konnten. Die zwei Frauen wuschen also ihre Kleider und ich wartete, bis es zu regnen anfing. Der Regen wurde zur Traufe, ich warf das grosse Bananenblatt weg und schon waren wir bis auf die Haut durchnässt. Was erst unangenehm war, endete damit, dass wir uns gegenseitig vergnügt ins Wasser schubsten und lachten. Drei kleine Buben kamen vorbei und zeigen uns stolz einige Fischchen, die sie gefangen hatten. Wir luden die schweren Kleider in die Säcke und trugen sie auf unseren Köpfen ins Auto.

Ich hielt an der Tankstelle, ein hagerer, zerlumpter Mann ohne Frontzähne blies mir seine Alkoholfahne ins Gesicht. Zu meinem grossen Erstaunen nannte mich diese Gestalt, die ich noch nie gesehen hatte, beim Namen. Und nun erzählt er mir tatsächlich, meine eigene Geschichte.
Erinnerungen an Fortgerissenes zerrten an meinem Herz und meinem Verstand, wanden sich um mich, stülpten sich über mich, erstickten mich, wollten mich in den Irrsinn zu treiben.

Der Schatten der sich auf mich warf,
war dem Licht, der ihn warf,
denen die sich um mich aufzustellen begannen,
die sahen was für Schatten ich warf,
nicht die Feuerfackel die mich versengte
und mir Tränen in die Augen trieb.

Ich sass da, grelles Grün um mich, die Luft voll Wärme und Wohltat, weinend.
Um Fünf begannen die Zikaden ihren ohrenbetäubenden monotonen Schrill und als die Sonne verschwand, verwandelte er sich in zauberhaftes Zirpen, das gleichermassen von weit und nah erklang.

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