Mitte Januar 2020, Anjouan, Komoren
Das Skalpell gräbt sich Stück für Stück in das Fleisch meines linken Handrückens. Wieder dringt die Klinge in die sich zäh öffnende Wunde. Feuriger Schmerz durchschiesst meine Nervenbahnen, peitscht die Wehrkraft, die ich zu zähmen suche. Die zweite Krankenschwester umfasst mein Handgelenk. Die Wärme ihrer Hände und ihr Puls stillt mein Zucken, während die stumpfe Klinge immer tiefer schneidet.
Die Regenzeit hatte eingesetzt und spie das Wasser in Kaskaden von den Dächern. Dahinter schummerte grün von dunklem Dunst umhüllt der Garten. Die Zitronen hingen flimmernd an den Ästen.
Ich war jetzt alleine bei Sos. Die Universität in Patsy hatte ihren Betrieb wieder aufgenommen und Razkinat war zurück in ihrem Appartement, dessen engen Raum sie immer noch mit Halima teilte.
Ich brühte einen grossen Kessel Wasser auf. ‚Ne pense pas trop’ hörte ich Razkinat immer flüstern. Der Regen füllte die Senke unter unserem Grundstück. Das Rinnsal schwoll an zu einem reissenden Strom und riss mit sich, was es konnte. Ich liess mich mit fortschwemmen von dieser warmen, trüben Flut, dieser vulgären und schlichten Existenz. Fort von den grauen Komplikationen, die ich nicht lösen konnte, durfte, wollte. Je weniger der Zugriff auf diese wurde, je grösser das Verlangen mich ihm zu entziehen, in dieser Lichtung zu verschwinden. Im Sog der Ereignisse und Empfindungen, bestrebt denselben Bedeutung und Antwort zu geben, trieb eine brückenhafte Vision, um die sich meine Hände zu klammern begannen. Ich stand unter dem Mangobaum und ritzte einige Linien in die Erde. Ein Boot löste sich vom Ufer und steuerte in den Indischen Ozean hinaus.
Ich began aber damit, einen Stuhl zu zimmern. Da war ja das Projekt, das ich mit soviel Leidenschaft begonnen habe aufzubauen. Das Atelier Ndzuzuri, die Lehrwerkstatt für Schreiner. Ich besorgte mir etwas Holz und schliff meine Stechbeitel.
Das Wasser kochte. Es war kühl diesen Morgen. Ich sehnte mich nach etwas Wärme und hatte darum beschlossen, ein warmes Bad zu nehmen. Nein, ich wollte nicht gehen. Ich liebte diesen Ort, seine Atmosphäre und die Menschen. Wieso denn hätte ich auch gehen sollen? Eines Abends hatte mir Razkinat die Geschichte eines Mannes aus ihrem Dorf erzählt. Diesen hatte seine Frau samt seinen drei Kinder über Nacht verlassen. Man fand ihn wenige Tage später an einem Baum hängend. ‚Ne pense pas trop!‘
Ich setzte mich und goss etwas von dem heissen Wasser in die Gelte. Mein Geist entglitt wieder und kehrte augenblicklich zurück, als ich mein Hand tief in den Wasserkessel getaucht fand. Erschrocken zog ich sie hinaus und kühlte sie sofort im kalten Bad. So sass ich wohl eine halbe Stunde da. Doch jedes Mal wenn ich meine Hand aus dem kühlenden Wasser zog, brannte sie, wie von tausend Nesseln gestochen.
Anfänglich war die Haut dunkelrot verfärbt, dann begannen sich gewaltige Blasen zu bilden und der Schmerz nahm ständig zu. Mir blieb nicht anderes übrig, als die Hand über Stunden im Wasser zu kühlen.
Ich zögerte zu Djabar hinauf zu gehen. Er war seit einigen Tagen bei Sos zu Besuch. Der illustre Arzt aus Mayotte besuchte Sos regelmässig. Wie jedes Mal hatte er seine Freunde eingeladen und ausgiebig gefeiert. Am Abend zuvor war ich bei Sos gewesen. Djabar hatte auf seine hitzige und aufdringliche Art philosophiert, die keinen Widerspruch duldete. Vom Rum erhitzt, redete er sich in Rage, was darauf hinaus lief, dass Sos, der ebenfalls vom Rum betäubt und sichtlich der obszönen Vergnügungen seines Freundes überdrüssig war, sich erzürnte und diesen Zorn über mir entlud.
Als ich die Treppe hochstieg kreuzte mich der bigotte, junge Gefährte des Arztes. Ich klopfte an die Tür seines Zimmers. Sie ging auf und ich erklärte Djabar mein Missgeschick und zeigt ihm meine verbrühte Hand. Zur Behandlung reichte er mir eine Tube Vaseline, welche ich dankend annahm und gleich darauf angewidert in den Eimer warf. Ich wickelte mir stattdessen einen tüchtigen Verband um meine Hand.
Razkinat und Halima kamen darauf wieder zu mir. Die Tage verflossen und meine Hand heilte langsam. Die zwei Frauen waren mir eine grossartige Hilfe, während ich einhändig ziemlich eingeschränkt war.
Inzwischen hatte ich sie überzeugt, dass die Bauruine auf dem Weg nach Patsy zu einer geeigneten Unterkunft mit vielen Vorteilen für alle werden könnte. Wenn der Besitzer die nötigen Vorkehrungen treffen würde, dann hätten wir laufend Wasser, Strom, eine Küche, drei Zimmer, einen Waschplatz und einen wilden, riesigen Garten. Nichts davon bieten die Barakenräume in Patsy. Neben Razkinat und Halima, würde Amdoul der mit Razkinat studiert, ein Zimmer besetzen wollen. Das Zimmer das übrig bleibt, würde ich beziehen. Wir setzten uns also mit Benali in Verbindung, der das Haus verwaltete und trafen uns vor Ort. In der Küche überraschten wir ein Stelldichein, das sich bei unserer Ankunft beschämt aus dem Staub machte.
Wir besprachen was zu machen sei. Als die Bauarbeiten jedoch beginnen sollten, stellte sich heraus, dass es auf Anjouan gerade keinen Zement aufzutreiben gab. Man musste also warten, bis eine neue Ladung im Hafen eintraf.
Sos hatte ich in Kenntnis gesetzt, dass ich bald ausziehen werde. Habibi würde ich wohl mitnehmen müssen. Es galt also bald unseren ganzen Hausstand, in meinem zukünftigen Zimmer unterzubringen. Dafür musste ich mich von vielem trennen.
Angesichts dieser Aufgabe bat ich Farida noch einmal dringlich, mit mir telefonisch Kontakt aufzunehmen. Endlich stimmte sie zu. Beim kurzen Gespräch das sie darauf mit mir führte, erklärte sie mir nur, dass sie sich von mir scheiden lassen wollte und beendete damit die Korrespondenz.
Die fertile Luft der Regenzeit entzündete leicht selbst kleine Verletzungen. Unter der dünnen Haut meiner Hand begann sich ein Abszess zu bilden, der jeden Tag wuchs. Ein pochender Schmerz stellte sich ein. So lange ich die Hand hoch hielt, ebbte der Schmerz ab, sobald ich sie aber senkte, schwoll sie plötzlich unter grosser Pein an. Ich spürte wie das Blut wallend durch die Adern pumpte.
Der verzweifelte Versuch den Ursprung dieser Qual auszumerzen, führte nur dazu, dass die Entzündung sich noch mehr ausbreitete.
Irgendwann hielt ich das Leiden nicht mehr aus und begab mich zum Militärspital in Patsy. Die Praxis am Ende des Dorfes bestand aus einem einzigen Haus, mit nur einem Zimmer und einem Hinterhof.
Eine junge Frau in Camouflage trottete daher. Es war kein Arzt da. Ich bat sie, die Schwellung aufzuschneiden, um den Eiter ausfliessen zu lassen. Im Raum stand eine Patientenschrage, ansonsten war er leer. Es gab keine Medikamente und keine Narkosemittel. Die Sanitäterin zog einen weissen Kittel über und präparierte das Besteck. Ihre Kollegin stand nebenan. Ich legte meine Hand hin.
So tief die Klinge vordringt, sie stösst nicht auf das gesuchte Sekret. Nach einigen Minuten klafft ein zehn Millimeter langer Schnitt und die Suche wird abgebrochen. Ich lasse mir die Hand nochmals verbinden und hoffe, dass die Zeit das Übel bald an die Oberfläche bringt und den Qualen ein Ende setzt.


Kommentar verfassen