Fragmente

Zwischenjahreszeit 2019, Anjouan Komoren

Von der Anhöhe blicke ich in den unendlichen Ozean der von seinem azurblauen Gewölbe zusammengehalten, weit unter mir auf ein Stück Land trifft und es von hier den Anschein erweckt, als ob er an die Buchten seiner Küste bunte Kieselsteine und Glasscherben wirft. Das Treiben in diesen Halden hat uns hier hinauf entrückt.

Ich nehme einen tiefen Zug aus der aufgeschnittenen Kokosnuss, der den Schweiss und Kummer mit einem Mal hinwegspühlt. Noch ein kräftiger Schluck des prickelnden Safts den mein Körper wie ein Schwamm aufsaugt. Ich lehne mich zu Anrchidin an die Palme.
‚Das ist das Beste, was ich jemals getrunken habe‘ stellte ich fest. An der Hütte hinter uns ist eine Geiss angebunden und kaut mürrisch vor sich hin. Wir sind auf dem Feld, oder Malavuni wie es auf Shinzwani heisst, von Anrchidin. Ein kleines Stück Land am steilen Nordhang hinter Mutsamudu. Ein paar Maniokpflanzen, ein paar Geissen und eine dürftige Hütte.

Anjouan ist eine kleine Welt, die ausser Patchwork, tropischer Wärme und Reis aus Pakistan wenig hat. Der technologische Wahn der Menschheit hat hier bloss noch ein loses Ende, dass sich im vulkanischen Erdreich weder verankern noch bündeln lässt. In diesem fragmentierten Kosmos findet nichts und alles zusammen. Ich sitze mit Anrchidin neben der Palme und schau aufs Meer, welches ein leichter warmer Wind mit sich bringt, eine wohltuende, einhüllende Wärme.

Wir steigen in den Land Rover und fahren nach Niumakele. Einige Kilometer vor Mrijou machen wir Halt. Anrchidin führt uns auf einem gewundenen Pfad, zum Haus eines Cousins. Wir pflücken eine dieser riesigen Jaques mit ihrer stacheligen Haut.
Niumakele ist das wolkenverhüllte Hinterland und Lebensader der Insel. Was im Hafen von Mutsamudu eintrifft, wird mit Bananen, Mangos, Tomaten und den tausend verschiedenen Früchten von hier getauscht, von hier fahren die Marktfrauen aus in alle Dörfer.
Wenig später stelle ich den Land Rover vor das Haus am Dorfende von Mrijou. Razkinat, Anrchidin und ich machen uns an die Arbeit, den zerrütteten Innenhof herzurichten. Wir räumen den Abfall zusammen und verbrennen ihn. Eine reife Bananenstaude wird gefällt. Dann machen wir die Wege frei und fassen sie neu mit Steinwerk.

Nach getaner Arbeit fahren wir hinunter zum Strand in Moya. Ein 100 Meter breiter gelber Sandstreifen zwischen schwarzen Felsen an welche sich das Dorf rankt. Bei Ebbe läuft das Meer seicht in die Bucht. Wir waten hinaus und ich versuche Razkinat schwimmen beizubringe. Doch will das Wasser sie nicht tragen, und sie sich von ihm nicht tragen lassen. Wir amüsieren uns dennoch.
Die Flut setzt ein und brandet am Strand. Wir spielen Fussball mit einigen Jungs, während die Sonne sich zu ihrer finalen Kür dem Horizont zuneigt. Im letzten Licht der Dämmerung fahren wir wieder nach Mrijou.

Finsternis liegt jetzt über dem Garten. Im Dunkeln bratet Razkinat Fisch, der so herrlich durftet und so köstlich schmeckt, dass, wie ich die Stücke von der Pfanne direkt in den Mund schiebe, ich überzeugt bin, niemals etwas so Gutes gegessen zu haben. Aus einem grossen Teller füllen wir gemeinsam unsere Bäuche mit Reis. Danach brechen wir die Jaque auf und entfernen das feste, goldene Fleisch von der klebrigen Schale. Es ist süsser und blumiger als Türkisches Konfekt. Zufrieden und müde legen wir uns aufs Dach des Hauses. Unterdessen erstrahlt das Firmament über der lichterlosen Insel. Leise rauscht es in den Blättern des hohen Anbarellabaumes. Mein Blick verliert sich im unerreichbaren Makrokosmos und trägt meinen Geist mit fort.

Es war bald Zeit, sich eine neue Unterkunft zu suchen. Das Geld würde für die Miete bei Sos nicht mehr lange reichen. Meine Idee war es, etwas zu finden, was Platz und Raum genug bietet für einige Studenten und ein Zimmer für mich. So machte ich mich mit Razkinat und Halima auf die Suche nach einem neuen Zuhause.

Halima hat immer wieder angekündigt, zurück nach Grand Comores reisen zu wollen, doch sie blieb. Ihre Familie lebte auf der Hauptinsel und sie hatte einen Geliebten in Frankreich, mit welchem sie gelegentlich telefonierte. Weshalb sie hier war und was sie hier hielt, wusste niemand. Sie kochte leidenschaftlich gerne Pilaf mit Poulet, weshalb wir bei einem kürzlich hingestellten Kühlcontainer eine riesige Kartonschachtel mit Pouletflügel kauften. Die übrige Zeit bereitete ihr wenig Lebensfreude und bisweilen verharrte sie tagelang isoliert im Zimmer. Sie zeigte sich fromm und vertrat und verteidigte die Lehren des Korans mit naiver Vehemenz. Doch fand sie überraschenderweise Gefallen an Habibi unserem Hund und spielte lachend mit ihm. Halima hatte ihren Schulabschluss verpasst, doch sprach sie von einem Studium im Ausland, in Ägypten, Marokko oder Senegal. Dann trug sie plötzlich Ideen vor, auf Anjouan einen Laden eröffnen zu wollen.
Sie erzählte mir einmal ihre Geschichte und weshalb die Geburtsangaben auf ihrem Reisepass falsch seien. Mit 11 Jahren wurde sie von ihren Eltern verheiratet, an einen Mann der in Marseille in der Diaspora lebte. Als 11 jähriges Mädchen konnte sie jedoch alleine nicht reisen, weshalb man ihren Pass kurzerhand revidierte. Die Reise nach Frankreich wurde nie angetreten. Ich nehme an, dass die Heirat irgendwann annulliert wurde.

Wir fragten uns also in Patsy rum nach einer geeigneten Bleibe und mussten dabei feststellen, dass Habibi offenbar Nachts sein Unwesen im Dorf trieb, und die Leute sich darüber laut entsetzten. Also haben wir bis jetzt noch nichts Passendes gefunden.

Zuhause sind fünf neue Kücken geschlüpft, eines davon rabenschwarz. Der Neid der anderen Glucken vereitelt jedoch das junge Glück. Der Reihe nach attackieren sie die armen Piepmatze über Tage, bis nur noch einer übrig bleibt, welchen ich in meine Obhut nehm.

Am anderen Ende der Welt steht Weihnachten steht vor der Tür. Ich hatte noch einmal versucht mit Farida in Verbindung zu treten und hatte sie gebeten, mit mir zu reden. Dazwischen lagen viele E-Mails, in denen ich ergebnislos fragte und erklärte. Ein wenig Hoffnung regte sich, dass sie nun endlich mit mir sprechen würde.
In dieser Erwartung lese ich die Antwort, Nein, sie wolle nicht mit mir reden und lasse mich von der bitteren Enttäuschung noch einmal verzagen.

Ich fahre diesen Abend mit Razkinat nach Mutsamudu. Wir essen im Hotel Al Amal. Auf dem Nachhauseweg flackert das Licht meines Land Rovers immer schwächer, dann geht der Motor aus und der Wagen steht still.

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