Angestammte Milieux

Zwischenjahreszeit 2019, Anjouan

Der Türendiener reisst die Türe des Taxi-Brousses auf, wir zwängen hinein, drücken uns zwischen die Passagiere und finden Platz auf der schmalen Bank. Wieder wird die Türe zugeschletzt, der Motor heult auf, der kleine Toyotabus rast davon, fliegt förmlich über die löcherige Strasse. Die Enge, Körper an Körper mit allen Reisenden zu sein, verleiht fast ein Gefühl der Sicherheit auf diesen rabiaten Fahrten über die Pässe. Ein abrubter Stopp, die Tür wird aufgeschoben und wundersamerweise gelingt es zwei weitere Fahrgästen, ins Innere des Busses einzudringen. Man setzt sich auf die Schoss des anderen, legt den Arm um den nächsten und ergibt sich so den Kurvenlagen und Erschütterungen.
Plötzlich Aufruhr, „zia, zia!“, eine Dame hat ihr Mobiltelefon verloren. Der Bus hält. Die Gewühl entwirrt sich erheitert aus dem Fahrzeug, doch die unglückliche Dame findet ihr Telefon nicht, dabei weiss sie gar nicht, ob ihr dieses tatsächlich erst jetzt aus der Hand entglitten ist. Sie entschliesst sich umzukehren. Die restlichen Passagiere pferchen sich erneut ein und bald jagt der Chauffeur seinen Bus die Serpetinenstrasse hinauf.

Es geht über den Col de Patsy hinunter an die Ostküste der Insel nach Domoni. Raskinat ist eingedöst, ihr Kopf an meine linke Schulter gelehnt. Wenig später liegt Halimas Kopf auf meiner rechten Schulter. Meine Knie sind eingeklemmt und stossen an die vordere Bank, es ist heiss und stickig, doch man gewöhnt sich daran, findet sich mit der unbequemen Lage ab und im stoischen Ertragen stellt sich eine Art Wohlbefinden ein.

Nach Domoni passieren wir die zwei mächtigen Mbuyubäume, die dastehen wie knorrige Wächter der Strasse hinauf nach Niumakele. Der Fahrer balanciert auf Bruchstücken von Asphalt und über ausgewaschene Wegnarben. Bunte, errodierende Dörfer. Bauern treten aus den Gebüschen mit ihrem Feldertrag auf dem Kopf, die Machete in der Hand. Beladene Motorräder. Ziegen und Schafe in ihren lumpigen Wollfetzen. Kleine Moscheen, bloss tüchtiger ausgebaute Häuser mit Waschnischen. Karg ausgestattete Marktstände. Schulen und braune Fussballplätze.

Der Bus hält. Es ist die Kreuzung, die die Strasse in ihre Hauptroute teilt, die wieder Richtung Nordwesten abzweigt und eine die sich weiter geradeaus fortsetzt.
Die Passagiere werden ausgetauscht und wir setzen uns in ein kleines Taxi. Wir fahren durch Mremani und immer tiefer hinein in diesen südlichsten Zipfel der Insel. Nach einer scharfen Kurve führt der Weg schnurgerade durch ein Dorf, bis er an dessen Ende schleifenförmig links abfällt. An dieser Biegung steht ein Haus mit breiter Fassade. Ein blaues, blechernes Tor ist mit einer Eisenkette verriegelt. Westlich am Haus angebaut ist ein vergitterter Vorbau, der frisch gestrichen und aufgeräumt, im Kontrast zu dem verwitterten Bau steht. Dieser Vorbau steht zur Pacht als kleine Imbissbude.

Hinter dem Haus liegt ein verwilderter Garten und überall Abfall. Man muss sich in acht nehmen, um nicht in das tiefe, überwucherte Loch zu fallen, dass einst als Abort diente. Rostiges Wellblech und verrottendes Flechtwerk begrenzen den Hof in dessen Mitte unter Bananenstauden, wie ein ausgehöhlter Panzer einer Riesenschildkröte, ein Ofen steht.
Die Düsternis die diesen Ort umrankt, dringt aus dem Inneren des Hauses, wo im schummrigen Licht zwei fremde Frauen am Boden der Küche kauern. Sie rüsten Gemüse für das Restaurant, dass keine Gäste hat.

Razkinat spricht mit Joseph, dem jovialen Betreiber der Raststätte, dann machen wir uns wieder auf den Weg, fahren weiter nach Komoni. Im Dorf ihrer Mutter lebt immer noch Razkinats Grossmutter. Sie führt uns zu ihr.
Ein leerer Raum mit unverputzten Wänden, inmittten als einziges Möbelstück ein Bett steht. In dieser Ödniss hat selbst die Familie sich nichts zu geben, als nur ein paar Worte, und auch diese haben wenig Wärme und Erfrischendes. Ich steh da, während Razkinat mit der Grossmutter redet. Am Ende des Raumes weist ein Vorhang auf ein weiteres Zimmer hin. Die verwandtschaftlichen Verhältnisse der Bewohner, zwei Mädchen und ein alter Mann, bleiben mir unbekannt. Razkinat überreicht ihrer Grossmutter einen Sack mit Gemüse und etwas Reis, dann verlassen wir das Haus.

Einige Strassen weiter sitzt Hamsa auf einem Motorrad, umringt von einigen Mädchen. Es sind seine Schwestern, denn Hamsa stammt ebenfalls aus diesem Dorf.
Zusammen machen wir uns auf den Rückweg. Wir nehmen zu viert ein Taxi. Die Fahrt in den weichen Sitzen über die raue Strasse schlenkert mich aus der Gegenwart.

Vor einigen Tagen waren starke Stürme angekündigt worden mit der Anweisung zu Hause zu bleiben. Ich sass am Abend bei Sos auf seiner Veranda. Sein Bruder war aus Mayotte auf Besuch gekommen und wir assen zusammen. Die Wetterboten verkündeten die bald hereinbrechende Regenzeit. Wir verzehrten süsse Litchis und die riesigen nicht minder süssen Jacques-füchte mit ihrem eigentümlichen Geschmack.
Vor dem Tor lief der junge Irre noch immer seine Runden. Vor einigen Tagen war er drohend an mich herangetreten und wollte mir einen groben Stoss versetzen, ist aber, als ich meine Hand erhob, feige davongerannt.

In dieser Zeit erhielt ich zahlreiche Nachrichten von Zuhause. Es waren Botschaften von Ermahnung und Kritik. Die Beantwortung dieser erforderte viel Zeit und Müh, und waren eine schwelende Erinnerung an den Schmerz des Verlustes und der Sehnsucht nach meinen Kindern. Während ich allen Absendern schrieb, verweigerte mir Farida, mit ihr in Kontakt zu treten. Ein Videoanruf wurde von Elia beantwortet. Da sass der Kleine und schaute mich mit seinen dunklen, glänzenden Augen wortlos an und mir versagte die Stimme, stattdessen brach ich erschüttert in Schluchzen aus.

Der Abend kam und brachte Ablenkung und Freunde. Halima kochte in der Küche ihren Pilaf, Razkinat bereitete Tschari zu, eine Beilage aus geraffelter, grüner Mango und Zitrone. Mit Hamsa, Amdoul, Fair und Anrchidin spielte ich Karten.
Nachdem wir uns alle an dem aromatischen Reis satt gegessen hatten, lehnten wir uns zufrieden auf der Couch zurück.
Als etwas später jeder seinen Heimweg antreten wollte, mussten wir feststellen, dass Habibi etliche Schuhe gestohlen und irgendwo in den Garten getragen hatte. Nachdem wir die Schuhe endlich aufgespührt hatten, ergriff Fair und sein Freund die Flucht und beide rannten von Habibi verfolgt den ganzen Weg nach Patsy zurück, als ob der Scheitan persönlich an ihren Fersen haftete.

Wir kehren von unserer Inselrundfahrt zurück. Es ist wieder Sturm angesagt und tatsächlich rauscht es gehörig in den Baumkronen. Mangos fallen und landen laut dröhnend auf den Wellblechdächern. Razkinat und Halima suchen Schutz bei mir. Nach dieser stürmischen Nacht, bleiben die beiden Frauen bei mir und kehren nicht mehr in die Blechappartements in Patsy zurück.

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen