Zwischenjahreszeit 2019, Anjouan
Ich blickte in ihre tiefen, schwarzen Augen die schelmisch glänzten, verlegen schlug sie spielerisch für einen Augenblick die Lieder nieder, eine zarter Schleier lang in ihrem Blick, hinter welchem sich Strenge und Kummer bargen, es waren die Augen ihres Vaters, der sie in ihren Träumen so oft heimsucht und mahnt.
Razkinat war das vierte Kind von Nafion Abdallah und seine erste Tochter. Wie der hiesige Brauch will, sollte ihr als älteste Tochter die familiären Privilegien zufallen, sein Haus in Mrijou, in der entlegensten Region Niumakele, sollte eines Tages ihr gehören. Es stand an einer staubigen Wegkreuzung, am Ausgang des Dorfes. Hier erblickte Razkinat das Licht der Welt, oder eher, die schmutzigen Mauern und das Blätterdach des üppigen Gartens.
Die kommenden Jahren fügten noch zwei Schwestern hinzu, die mit ihr im Hof tummelten und auf fremden Feldern Früchte stahlen. Das Leben der Kinder ist ein chaotisches, ungezügeltes Heranwachsen. Sie treiben sich herum, ernten Mangos in den hohen Kronen der Bäume, pflücken Gewürznelken, spielen mit kaputten Reifen, basteln Autos aus ausgedienten Ölkanister und besuchen die Schule, wo sie lernen Koranverse auswendig zu zitieren. Die Erwachsenen kümmern sich kaum um die Kinder.
Razkinat war noch keine Zehn Jahre alt, sie durchstreifte das Dorf ihrer Mutter, als sich eine Begegnung mit einem Erwachsen grausam und schmerzhaft in ihr Gedächtnis bohrte. Der Trieb des Menschen ist barbarisch und schamlos. Weinend und verstört kehrte sie nach Hause zurück und behielt diese fürchterliche Erfahrung für sich.
Rostiges Wellblech und verrottendes Flechtwerk begrenzen den grossen Hof hinter dem Haus. Wild wachsen Bananenstauden und Gestrüb. In der Mitte steht ein Ofen. Nafion Abdallah backte damals Brote und sorgte so für das Überleben seiner Sippe. Er war ein ernster Mann und autoritärer Vater.
Die Mutter hingegen hatte einen sorglosen Charakter und verkehrte meist mit ihrer angestammten Familie im nächsten Dorf, Komoni. Dorthin nahm sie eines Tages die Kinder mit und kehrt nicht mehr zurück. Der Gram verzehrte Nafion.
Razkinat vernahm das Elend ihres Vaters und suchte ihn auf. Sein Zustand war desolat und verschlechterte sich von Tag zu Tag. Razkinat wich nicht mehr von seiner Seite und pflegte ihn. Sie wusch ihn und stütze ihn, mit der Kraft eines 13 jährigen Mädchens. Die Monate verstrichen. Nafion und seine Tochter fristeten in dem Haus am Ausgang des Dorfes. Wer davon wusste, wusste keinen Rat und keine Linderung.
Der Mann wurde immer schwächer und matter. Die Zeit kam, dass er seine Frau und seine Kinder noch einmal zu sich rief. Dann verschied er.
Razkinat ging zu ihrer Mutter zurück, in ihr Dorf. Das Haus in Mrijou blieb leer und verwaist.
Mangel und Dilemma verführen zur Migration, raunen von besseren Lebensumständen und lotsen Mutige und Mutlose auf ungewissen Pfaden zu ungewissen Orten. Zwei Jahre nach dem Tod von Nafion Abdallah entschloss sich Razkinats Mutter der Misere durch Flucht auf die nahegelegene französische Insel Mayotte zu entrinnen. Sie ging zum Strand, setzte sich in der übervollen Fischerschaluppe und verliess Anjouan.
Razkinat war ins Haus ihres Vaters zurückgekehrt, sie hatte sich geweigert mit ihrer Mutter mitzugehen.
Mutterseelenalleine bewohnte sie das Haus mit den dunklen Räumen und dem wuchernden Garten. Tagsüber besucht sie die Schule, Nachts zog sie sich in ihr einsames Zuhause zurück. Es waren lange Nächte der Angst und des Harrens. Im Schatten findet sich das Ungeziefer, ein Bursche tauchte auf und begann ihr Gesellschaft zu leisten. Ein wilder und roher Kerl der das naive Mädchen grob behandelte. Seine Dreistigkeit gipfelte in wüstem Streit. Razkinat lief in Panik hinaus in den Regen, wo ihr Verfolger sie einholte, niederschlug und sich davonmachte.
Die Pein der Einsamkeit hinterliess Spuren. In der Schule bemängelten die Lehrer Razkinats Aufmerksamkeit. Die unerträglichen Kopfschmerzen quälten sie inzwischen so, dass sie tagelang nicht aufzustehen vermochte. Die Leute begannen zu munkeln, auf ihr läge einen Fluch.
In dieser Zeit begann sich eine Nachbarin um Razkinat zu kümmern und brachte sie ins Spital in der Hauptstadt Mutsamudu. Doch auch hier konnte ihr nicht geholfen werden.
Immer wieder raffte sie sich auf, doch im Fieber der Schmerzen bestand sie die Maturitätsprüfung nicht.
Die gute Nachbarin besuchte weiterhin Razkinat und bereitete ihr Säfte und Umschläge aus dem Fundus natürlichen Heilwissens zu. Nach vielen Monaten schien Razkinat allmählich wieder zu Kräften zu kommen.
Noch einmal trat sie das letzte Schuljahr an, mit dem Ehrgeiz einen ordentlichen Abschluss machen zu können und schaffte es diesmal tatsächlich.
Während dieser Zeit hatte sich Razkinat mit einem Jungen angefreundet, der eine Tante in Ouani nahe der örtlichen Universität an der Nordküste der Insel hatte. Sie packte die Chance, um ein Studium anzufangen. Aber die totale Abhängigkeit von diesem Förderer sollte sich als trügerisch erweisen, als dieser began zu trinken. So sehr Razkinat auch auf die Gunst dieses Jungen angewiesen war, so sehr widerstrebte ihr sein Alkoholkonsum und als er auf ihr Drängen diesen nicht einstellte, sie den Entschluss fasste, zu gehen.
Sie suchte Unterschlupf bei einer Schulfreudin, die in den blechernen Baracken in Patsy ein Zimmer mietete. Mittellos und ohne familiären Rückhalt begab sie sich in den Kreis von Studenten. Die Scham der Interpendenz und Besitzlosigkeit begann an ihr zu nagen und führte schlussendlich zu einem verzweifelten Hilferuf an ihre Mutter.
Wie die Brandung die endlos Müll an die Strände spült, breiten sich die Bidonvilles in Mayotte aus. In diesem wirren Drucheinander von Provisorien hatte sich Razkinats Mutter mit ihren Geschwistern nieder gelassen. Ihr eigentlicher Erfolg war es, all die Jahre den Razzien der französischen Autoritäten entkommen zu sein. Ein Umstand der nie Möglichkeit oder Notwendigkeit schuf, ihre Tochter in irgend einer Weise zu unterstützen. Und doch wendete sich Razkinat in ihrer Verzweiflung an sie.
Die Mutter reagierte mit der ultimativen Forderung, dass sich Razkinat unvemittelt nach Mayotte begäbe. Nun befand sich ihr ältester Bruder ebenfalls seit einiger Zeit in Anjouan, nachdem er beim Versuch gescheitert war, in Tansania ein Studium abzusolvieren. Ibraza steckte ständig in Schwierigkeiten. Mit Gelegenheitsjobs als Taxifahrer schlug er sich durch die Tage. Er verbrachte die restliche Zeit bei einer Geliebten, und war dabei mit einer anderen liiert. Plötzlich stand er jedoch vor seiner Schwester, drückte ihr ein paar Geldscheine in die Hand und verfrachtete sie in einen Bus, der sie nach Sima an nördliche Küste brachte. Sollte sie die Reise nicht antreten, würde ihr ihre Mutter das nie verzeihen.
Um ein Uhr Nachmittags zwängte man sie zwischen die vielen Passagiere in das kleine Boot und startete den Aussenborder. Die Fahrt dauerte die ganze Nacht über den offenen Ozean. Das Morgengrauen zeichnete sich ab, als sie in aller Heimlichkeit am Strand in Mayotte aufsetzten.
In der Hütte ihrer Mutter angekommen, erfuhr sie von ihrer Absicht, sie schnellstmöglich zu verheiraten. Die kommenden Wochen verbrachte sie mit ihren Geschwistern und erhielt Einblick in die leeren Hoffnungen der Sans-Papiers. Die Aussicht auf ein Leben in den Slums und die Angst dieses per Heirat zu besiegeln, brachten sie zu dem Entschluss, schnellstmöglich Reissaus zu nehmen und nach Anjouan zurück zu kehren.
Ein Schmetterling der Nacht, der lustig seine Flügel schlägt, sich dreht, tanzt in der Luft. Ganz allein.
Plötzlich warst Du da auf der Strasse, vor mir, die Arme ausgebreitet, irgendwie fröhlich, irgendwie verloren, irgendwie zauberhaft.
Ein Bild von Dir, in mein Herz eingegraben, schwarze Nacht, starker Regen, Du.
Nur Du, Du, allein. Ein strahlendes Lachen, deine nasse Haut glänzend, deine Arme ausgebreitet, irgendwie fröhlich, irgendwie vertraut, irgendwie zauberhaft.
Ein Stern in der Dunkelheit und ich, und eine silberne Stimme, ein Lied das sich mit einem betörenden Duft vermischt, zu einem Trank der allen Kummer stillt.
Deine Wärme fliesst, und alle Kälte flieht, ich lieg in deinen Armen, die Du um mich schlingst, irgendwie glücklich, irgendwie geborgen, irgendwie zauberhaft.
Die Sonne taucht ins Meer, hinterlässt rotes Gold auf seinen Wogen, und uns, Dich mir, mich dir.


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