Hinter der Wellblechtür

Zwischenjahreszeit 2019, Komoren, Anjouan

Vergnügt lief ich die Strasse hoch, in der Tasche etwas Fisch. Heute wollte ich Razkinat und Halima zum Abendessen einladen, was natürlich hiess, dass ich bekocht würde.

Des Öftern begab ich mich nun auch nach Patsy und besuchte die Beiden in ihrer engen Blechhütte. Wir assen zusammen aus einem einzigen Teller Reis, mit wem auch immer gerade vorbei kam und schauten Fernsehserien.

Ich erinnere mich, wie ich einmal um 4Uhr Morgens aufwachte, als ich die ersten Hähne schreien hörte. So leise wie möglich schlich ich über den schmalen Innenhof und verdrückte mich durch die knarrende Tür nach draussen. Einsam ging ich die verlassene Strasse hinauf nach Hause, keine Menschenseele, kein Windhauch, der Himmel schwer und lichterlos.

Die Regenzeit hat langsam begonnen einzusetzen, die Regenfälle wurden häufiger und stärker. Eine dieser schweren Regennächte hatte einige der Hütten in Patsy geflutet. Ich half meinen durchnässten Freunden ihre wenigen Habseligkeiten zu reinigen und zu trocknen.

Die Feuchtigkeit liess die neuen Mangos an den Bäumen reifen, die in stillen Nächten mit schallendem Lärm auf die blechernen Dächer fielen. Bald würden auch die Lychis soweit sein.

Halima wollte ihren Geburtstag bei mir Zuhause feiern. Die jungen Leute lieben es, sich fotografieren zu lassen, bringen sich in Pose und verbringen ganze Nachmittage damit, ein Foto nach dem anderen zu machen. So waren alle Gäste nach ausgiebiger Schlemmerei damit beschäftigt, ihren Vorzügen im Setting des schönen Gartens möglichst viel Ausdruck zu verleihen, als von der Strasse ein Knall über die Mauer drang.
In Erwartung auf ein aussergewöhnliches Spektakel, liefen einige an den Ort des Geschehens, wo sich schon eine Traube ebenfalls Herbeigeeilter fand.
Um den Mann dessen Schienbeinknochen aus der blutenden Wunde ragte, musste ich mich nicht kümmern, wohl aber um Razkinat die mitten auf der Strasse in Ohnmacht fiel, als sie den unglücklichen Motorradfahrer am Boden sah.
Bereitwillige Helfer verfrachteten den Verunfallten in ein Taxi und schauten auch nach dem Mädchen, dass vor dem Sturz wohl auf dem Motorrad hinten aufsass und jetzt bewusstlos da lag. Razkinat kam allmählich wieder zu Besinnung und ich brachte sie wieder zurück ins Haus, wo sie noch eine Weile zitternd und bleich da sass.

Einige Stunden davor war ich hinauf auf den Brotfruchtbaum geklettert, um dessen Früchte zu ernten. Plötzlich tauchte Razkinat neben mir auf und zusammen turnten wir lachend in taumelnder Höhe um den Stamm des Baumes.

Immer seltener verbrachte ich nun die Abende alleine. Zu der abendlichen Gesellschaft zählte unterdessen auch Hamsa, ein entfernter Cousin von Halima und Razkinat.
So geschah es, dass mich eines Tages meine innere Zerrissenheit übermannte, der Verlust, das Sehnen nach meinen Kindern. Ich verkroch mich in ein Zimmer und begann bitterlich zu weinen. Eine Hand legte sich um die meine. Razkinat hatte sich neben mich gesetzt und flüsterte mir Trost zu. Sie trocknete mein nasses Gesicht mit ihrem Kleid und drückte mich an sich. Die Wärme ihrer vollen Brüste löste die Krämpfe, die mir durch alle Glieder fuhren. Ich lauschte den einfachen Worten dieses Mädchens, die mir besser und gütiger schienen, als alles was die Welt an Weisheit zu besitzen meinte.

Seit diesem Abend lag ich immer wieder in diesen molligen Armen, wenn mich solche Traurigkeit überwältigte. Und wenn sie nicht da war, suchte ich sie, bis ich sie fand.

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