Irrlichter

Zwischenjahreszeit 2019, Anjouan.

Gegenüber von unserem Grundstück, entsteht und wächst eine Betonzieglerei. Das nächste Dorf Koki liegt einen Kilometer weiter die Verbindungsstrasse hinauf nach Domoni. Tagsüber bringen die schmalen Pfade, die von den Feldern hier auf die Hauptstrasse münden, allerlei Bauernvolk her. Männer mit schmutzigen, zerrissenen Hemden und muskulösen Armen, Frauen mit um die Hüfte gebundenen Tücher und kaum weniger kräftigen Oberkörper, in einem der paar zerfurchten Hände ein Langmesser, welches, als Werkzeug für sämtliche Feld- und Manikürarbeiten die ärmliche Erscheinung ihrer Träger ergänzte und Kinder die barfüssig die Zwangslosigkeit ihrer Existenz lebten und darauf warteten mit Erlaubnis auf die Mangobäume, oder was für Bäume auch immer, zu klettern, um die reifen Früchte zu ernten, überhaupt scheinen sie dabei ihren einzigen Zweck zu erfüllen und ich frage mich, ob manches sich auch nur dabei sein Überleben sichert.

An dieser Wegstelle also, wo sich oft wer vorbeikommt setzt und mit Einem, der ebenfalls sein Bündel Holz oder seinen Nylonsack mit was auch immer darin ist, abgestellt hatte, zu einer erregten Diskussion hinreissen lässt, vielleicht auf eine Mitfahrgelegenheit auf einem der Kleinlastwagen oder Buschtaxis hofft, kreuzte zu Fuss seit einigen Wochen ein junger, abgerissener, doch nicht unsympathischer, Mann mehrmals täglich. Ich erkundigte mich über seine Person und den Antrieb des Jungen, zumal er mich immer wieder eindringlich mit rollenden Augen anstarrte und ich darin den irren Zustand seines Geistes sah. Man erzählte sich die Geschichte, dass der Flegel sich an drei Mädchen vergriffen hätte, darauf sei er mit einem Fluch belegt und von seiner Familie verstossen worden, nun sei er dem Wahnsinn verfallen. Ich traute von da an aber weder dem armen Teufel, der ohne Unterlass die Strasse hinauf und wieder herunter ging, noch seinem Wahnsinn. Trotzdem nannten wir ihn nur „Lefou“.

Es gab natürlich viele solche Irre, Frauen wie Männer, nicht aber so jung und anmutig, die zum Teil nett, redselig und mit allerlei unmöglichen Textilien bekleidet waren, oder grimmig, bösartig und halb nackt. Da war die kleine magere Frau, die die Hände immer hinter dem Kopf verschränkt, Tag für Tag von Mirontsy nach Mutsamudu und wieder zurück marschierte. Oder der Alte mit seinen stiefelartigen Bandagen aus Plastik, die er bis an die Knie hinauf gewickelt hatte, der stets nervös umher schritt, ohne dass dem Betrachter sein Treiben etwas über Grund und Absicht Aufschluss gab. Oder jener der apathisch die Strasse entlang schlurfte und sein einziger Besitz, eine zerschundene Jeanshose, so tief trug, dass man zum Schluss kommen musste, dass nur sein Gemächt das Kleidungsstück vom Herunterfallen hinderte.
Diese gefallenen Kreaturen, die mit ihren Merkwürdigkeiten die Normalität stören, aus ihr heraustreten oder herausgestossen wurden, sie gleichzeitig unterhalten und bereichern. Sein oder werden, sein und werden. Der angesehene Geistliche mit Bart, ernster Miene und langem weissen Gewand, der ins Haus einkehrt und fromm Koranverse zitiert, dessen Cousin ein Ministerposten besetzt, dessen Bruder in Paris lebt und der Hungergetriebene, der darum kein Dach mehr über dem Kopf hat, weil irgend ein Schicksal es ihm genommen hat oder seiner Misere keine Hand gereicht wird, der beginnt seinen Verstand zu verlieren, weil was er als solcher besitzt, nicht als solcher angenommen wird und die Gesellschaft überzeugt ist, das Recht und Unrecht sich in Glück und Unglück wieder findet, dem einen die Hand reicht und gegen den anderen sich erhebt und so Glück zu Glück und Unglück zu Unglück macht. Hybris, zu glauben dass Fluch und Strafe zu beschwören sind und den Unglücklichen treffen und ein sakrales Regelwerk ihn massregelt, nur ein einziges Regelwerk richten und verdammt, der Sadismus des Menschen. Ich sah diesen Jungen. Er ging nach Koki, von Koki nach Patsy und von Patsy nach Koki, von Koki nach Patsy. Sein Pullover war nass wenn es regnete, trocknete an seinem Körper und wie er sich langsam begann zu zersetzen, tat es auch seinen Träger.

Sein Lächeln wurde schief und sein Blick wild. Die Leute drehten sich nach ihm, wenn er sich näherte und er begann sie zu erschrecken. Eines Tages hörte ich Sos, wie er ihn anschrie, als er begann, Steine gegen unser Tor zu werfen.

Ich entschloss mich, auszugehen, die Einsamkeit zu unterbrechen. Ich stellte meinem Land Rover in Patsy ab und beobachtete lange das Treiben, das Kommen und Gehen bis die kurze Dämmerung hereinbrach.
Ein Mädchen trat auf die Strasse und drehte sich verzückt im Kreis. Ich sprach es an. Nach kurzem Zögern verschwand es und tauchte wenig später wieder auf, in ihren Shiromani gehüllt.
Wir fuhren nach Mutsamudu. Die lang gebogene Küste die sich bis hin nach Ouani zog und von da als unbewohntes Kulturland sich noch einige Kilometer weit in den Ozean erstreckte, säumte einige Lichter. Der Wind strich durch die Palmblätter und die Wellen brachen sich an den schwarzen, porigen Felsen. Ich betrachtete Razkinat, wie sie sich, ein wenig schüchtern, doch genüsslich am gebratenen Fisch gut tat. Wenn es hier nicht angebracht ist, besonders für eine Frau, in der Öffentlichkeit zu essen, dann ist es äusserst Reizvoll, zu schauen wie sich ein Mund öffnet für eine Gabel Reis, ein Reihe strahlend weisser Zähne aufblitzten lässt, wieder schliesst und die vollen Lippen mit den Kaubewegungen zu tanzen beginnen und in glänzenden Augen zu sehen, wie ein Bedürfnis auf angenehmste Weise gestillt wird. Und wie süss waren diese Lippen.

Die Heimlichkeit der Nacht, die Freundlichkeit des Abends, der Duft des Gartens und der Spaziergang nach Patsy, hatten erst unsere Hände zusammengeführt und sind die Hände erst in Zärtlichkeit vereint…
Ich presste meine Nase an die dicht geflochtenen Haare, sie rochen faszinierend, aromatisch, berauschend, ihr Kopf lag auf meiner Brust. Mit dem unausgesprochenen Wunsch unser Ziel nie zu erreichen und uns im Hier zu verlieren, setzten wir uns umschlungen unter einen Tamarindenbaum. Ich lauschte einem Lied in wohlklingender Stimme, das ihre Hände mal an mein Mund führte, mal sanft über meinen Oberkörper gleiten liess. Es war nur die Nacht, sie und ich und alle Schmerzen waren so fern, so unbedeutend.
Ein Moment des Glücks, umhüllt von Dunkelheit, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft. Doch Leiden so betäubt, sind ohne Rausch kaum mehr zu ertragen.

Ein einsamer Ort über einem steilen Abhang hin zum Meer mit Blick auf die Westspitze von Anjouan, der kleinen Insel davor, die Sonne die sich golden dem Horizont zu senkt. Wir sassen auf der Heckklappe meines Land Rovers, tranken aus der aufgeschlagenen Kokosnuss ihr prickelnder Saft und gaben uns noch einmal dieser süssen Träumerei hin, die allem Weltgeschehen ihr Brutalität nimmt, sie surreal und kraftlos werden lässt.
Eine Unendlichkeit später, lag diese Welt in tiefem Schlaf, öffnete Razkinat die wellblecherne Tür zu dem engen Hof, wo sich beidseitig ein halbes Dutzend Zimmer an einander reihten. Wir sahen uns an und raunten uns Dinge zu, bis die Türe sie langsam in ihre Realität und mich in meine schloss. Das Lächeln mit dem sich jeder von uns ins Bett legte, würde mit dem neuen Tag verschwinden und so lag ich lange wach diese Nacht.

Sos liess mir jeden Morgen eine Thermosflasche Eukalyptustee hinstellen. Mit der mageren Kost war ich ganz zufrieden, zum Frühstück ein Ei sonst Reis und ein wenig Gemüse. Ich leerte mein Konto und sortierte die Geldscheine in mehrere Bündel. Jeder sollte für einen Monat reichen, ich sass im Liegestuhl, las, wartete, sannte nach, verfiel immer wieder in tiefe Melancholie und fand mich oft und lange wehrend gegen eine überwältigende Verzweiflung.

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