Februar 2020 – Anjouan
Wo die Palmen, Mangobäume und Bananenstauden enden, lässt das Meer an seinem Saum einige Boote treiben und erstreckt sich danach in die Unendlichkeit. Im Dunst des Unerkennbaren liegt Anjouan, meine Gedanken und Sorgen.
Das kleine Flugzeug löste sich von der Insel, flog über eine Gruppe Fischerboote die sich zum Makrelenfang scharten, einen Bonitoschwarm deren Fische lustig aus dem Wasser sprangen, zwei Delphine die sich an einander schmiegten, und folgte den sich weit in den stillen Ozean fortsetzenden hellbraunen Strassen, die sich aus den Flüssen der Regenzeit ergossen, die auch dann noch waren, als Anjouan unter und hinter mir verschwunden war.
Für einige ist diese Insel ein Beispiel menschlichen Versagens oder seiner Unvernunft, betrachtet man die Unordnung, den Schmutz, die Natur die von seiner Hand deformiert und dürftig kultiviert, die Kulturarmut und den Überlebenskampf, die Abhängigkeit und Abgeschiedenheit, doch für mich ist es mein Zuhause, vielleicht mein einziges.
Vor vier Monaten setzte die Maschine setzte da auf, wo das Meer aufhörte und das Land begann. Ich hatte eine lange Reise hinter mir, die mich über die Metropolen Europas nach Kairo, dann nach Daressalam führte. Ich erstand da ein Flugticket nach Moroni und rollte mich auf einer Sitzbank zusammen, um ein wenig zu schlafen. Hi und da tauchten einige Europäer auf. Sie flogen in die ostafrikanischen Naturparks.
Ein Kongolese wollte mit dem Schiff nach Indien, einfach nach Indien egal welche Stadt. Er redetet weder Suaheli noch Englisch, ich übersetzt für ihn von Französisch auf Englisch und wies schlussendlich einen Taxifahrer an, den Mann zum Hafen zu bringen, um dort sein Glück zu versuchen.
Der Tag brach an. Ich ging durch das Gewühl des Marktes, verlor mich in den Strassen und Gassen eines Quartiers. Die Erde war ockerfarben und genau so uneben wie anderswo in Afrika. Die Menschen folgten mir mit kritischen Blicken, bis ich mich in einem der schäbigen Restaurants auf einen roten Plastikstuhl setzt und etwas zu trinken bestellte. Das Mädchen das mir das Soda gab, lachte mich herausfordernd an. Staub, Lärm und Geruch lag in der schwülen, warmen Luft. Ich nahm die Herausforderungen an und war bald von fünf jungen Frauen umringt, in einer lustigen Unterhaltung auf Kiwsahili, das ich nie zuvor gesprochen hab. Die so amüsierten Mädchen liessen sich gar dazu hinreissen, mir eine Schlafstelle bei sich zu anzubieten. Ich stellte mir ihre dunklen Hütten und schmutzigen Matratzen vor, und wie es wäre, wenn Afrika seinen Schlund auftäte, und ich hier für ewig versänke in dieser farbigen, leidenschaftlichen Welt.
Es war endlich der letzte Flug. Noch eine halbe Stunde trennte mich von Anjouan. Dösend sass ich auf der Bank und wartete. Die junge, füllige Dame mit der ich zuvor einige Worte gewechselt hatte, betrat den Wartesaal und setzte sich ebenfalls. Ich gesellte mich zu ihr und zusammen verkürzten wir die Zeit mit einem netten Schwatz über Belangloses.
Sos hatte ich unterdessen per Telefon über meine Rückkehr unterrichtet. Er empfing mich im wilden Gedränge, das sich um die Gepäckausgabe bildete. Wir fuhren hoch nach Patsy.
Der einsetzende Regen hatte dem Garten seine Üppigkeit zurückgegeben. Die erste Mangoernte war schon vorbei und mit ihr sind die zwei Lemuren verschwunden. Habibi war völlig ausser sich und tanzte bellend um mich rum. Ein Augenblick trafen sich Vergessen, Erinnern und Schönheit auf sonderbar wohltuende, ja tröstende Weise. Die Nacht füllte den Himmel mit Sternen und mich mit vielen Gedanken. Sich zu verlieren in dieser Stille, in dieser Ferne, für immer.
Schwarze Wolken hüllten mich in völlige Finsternis, ich stolperte durch die Strassen und Gassen von Patsy, dicht neben mir unser treue Hund. Es war diese Stille und Dunkelheit, diese Leere, wo ich mich nun geborgen fühlte. Dieses Suchen mit dem Wissen nicht finden zu können. Sich zu verlieren im Verlorensein und nie mehr zurück zu finden. Einen Ausweg in der Ausweglosigkeit zu finden. Ich wünschte mir eine Tür, aus Flechtwerk, Wellblech oder Stahl, die sich in dieser Finsternis öffnete, mich einlud einzutreten, sich hinter mir schloss und sich danach nie mehr öffnete.
Ich legte mich in die Hängematte, über mir der mondleere Himmel, der warme Wind rauschte in den Bäumen. Ich schaukelte hin und her. Ich verbrachte so ungezählt Tage und Nächte, wobei ich den einen von der anderen wenig unterschied und tat nichts ausser hi und da appetitlos ein wenig Reis und etwas Gemüse zu essen.
Manche Abende verbrachte ich bei Sos die immer damit endeten oder damit begannen, dass Sos lallend seine Ansichten oder Geschichten immer und immer wiederholte. So adrett und energisch der Alte sich tagsüber gab und seine Leute umherjagte, so lax sass es Abends mit seinem Rum im Schaukelstuhl.
Dieser Rum in Petfläschchen verkauft man über die Hintertür unter vorgehaltener Hand. Sos hat ein zinnenes Kännchen, welches sich in späten Stunden so lange füllt, bis seine Zunge schwer wird und er in monotones Murmeln verfällt.
Die Zeit verstrich und nichts geschah, dass wir kaum Strom hatten, ärgerte mich nicht. Ich genoss die Tatenlosigkeit, die Abwesenheit von künstlichem Licht und Geschäuschkulissen.


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