24.Oktober 2019 um 9.00Uhr. Ouani.
Es regnete. Ich sass im Flugzeug, das zur Startpiste rollte. Ich faltete meine Hände, bat zum ersten Mal in meinem Leben Gott nicht um Schutz. Schluchzend bat ich, nie am Ziel anzukommen zu müssen. Die Motoren dröhnten, der Wind riss das Flugzeug wild umher, unter mir verschwand in Tränen und Wolken, ein Leben, ein Traum, eine Gegenwart. Ich malte mir aus, was wohl passieren würde, wenn ich jetzt den Notausstieg vor mir aufrisse. Fiel ich vom Himmel, zerschellte im Ozean. Schicksal setze mir hier ein Ende, öffne mir diesen Notausstieg.
Ein kleines Paradis, voller Freiheiten, Wärme und süssen Früchten, die nun endlich reifen, Kinder spielen, Lemuren turnen in den Ästen, die Zikaden singen und wir liegen im Liegestuhl und geniessen die letzten Sonnenstrahlen. Ein Leben voller Abenteuer und Wunder und dabei ein noch kleines, fragiles Pflänzchen, das dabei ist, seine Wurzeln zu schlagen.
Schon lange hatte ich nicht mehr mit Sulah gegessen. Ich hatte Freude ihn diesen Mittag bei mir zu haben, als Freund den ich nun langsam begann zu verstehen. Die Zeit verstrich und ich begann endlich unser Bett zu reparieren.
Ich ahnte Farida bei Anfia und war beruhigt, dass sie mit ihr Zeit verbringt und dachte mir, dass es ihr doch gut tue, mit Freunden Gemeinschaft zu haben. Ich widerstand der Versuchung, sie nach ihrem Verbleib zu fragen. Gegen 15:30 griff ich dann doch ein wenig besorgt zum Telefon.
Die kurze Nachricht und Entschuldigung warf sich über mich, wie ein rabenschwarzer Schatten des schweren Hiebes der danach folgte, und liess mich erstarren. „Dringende Pause, vergib mir“. Mit zittrigen Händen öffnete ich meine E-Mails. Die wenigen Wörter und ihre Bedeutung drangen wie kalter Stahl in meine Brust und ich brach zusammen, ich rang nach Atem. „Ich fliege zu meinen Eltern… die Kinder habe ich mitgenommen“. Der plötzliche Schmerz wollte sich in einem fürchterlichen Schrei lautbar machen, doch es war, als implodierte ich, keinen Laut brachte ich hervor. Irgendwie raffte ich mich auf, trug mich ins Freie. Draussen traf ich Sos, er griff nach meiner Hand, ich hatte keine Luft mehr. Ich starrte in die angstvollen Augen von Sos, wie irr öffnete und schloss meinen Mund.
Mit einem spektakulären Auftakt begann mein Leben in sich zusammenzubrechen. Ein Prozess in dem sich Herz, Seele und Verstand um Träume, Gefühle und Erinnerungen stritten.
Eines Morgens stand ich in der Küche. Ich wollte mir ein Spiegelei machen. Da packte mich eine erdrückende Schwermut und warf mich zu Boden. Ich lag in Krämpfen und Schluchzen am Boden wie ein kleines Kind, ich weinte und weinte. Etwa ein Stunde lag ich so zusammengekrümmt da, als ich ein bitteres Wimmern neben mir vernahm. Irgendwann fand ich die Kraft aufzustehen und nahm Assiette in die Arme. Wir standen so eine Weile da, einander Trost spendend. Mit ihrem Foulard putzte sie mir mein nasses, klebriges Gesicht.
Sos wollte es nicht glauben, versuchte mich zu beruhigen. Ich zitterte am ganzen Leib.
Ich hatte Irfane angerufen, sofort kam er mit Joseph vorbei. Unverständnis und Mitleid. Sie suchten nach Worten des Trostes. Wortlos sassen wir da, Sos, Irfane, Joseph und ich.
Langsam entdeckte ich, wie umsichtig sie ihre Abreise vorbereitet hatte und Flucht, der passende Begriff ist. In der Ohnmacht der ersten Tage erfuhr ich, wie sie zur Kaschierung ihres Vorsatzes, mir schon seit Tagen Lügen erzählt hatte, und einen wahrhaft genialen, wie gemeinen Plan ausgeheckt hast, damit Nichts und Niemand sie an ihrer Ausführung hindern konnte.
Nach und Nach fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Wie sie mir schon am Sonntag angekündigt hatte, dass ich Anna nicht von der Schule abholen müsse, weil sie Anfia besuchen würdest. Warum sie so lange weg war, um etwas Gemüse einzukaufen und nicht das Taxi schuld war, weshalb sie spät zurückgekehrt ist, sondern sie die Pässe entwendet hatte und zum Migrationsamt gegangen ist. Ihre roten Augenränder zwei Tage vorher erklärten sich nun doch mit Tränen und nicht mit ihrer Kosmetik, wie sie mir glauben machen wollte. Sie hat Anna nicht mehr zur Allianz Française geschickt, weil es ihr nicht gefiel, sondern weil sie abreisen sollte. Nun wusste ich, wer sich an unseren Geldvorrat für den Folgemonat gemacht hatte.
Für Sos wurde nun die wahre Absicht klar, weshalb sie am Montag mit zwei Reisekoffern in die Stadt ging, nicht um jemandem etwas zu bringen, sondern um das Gepäck zu deponieren.
Ich begann nachzuforschen, welche Flugroute sie genommen hätte. Wo war meine Familie? Wie sehr hätte mir diese Information Beruhigung geschenkt, zu wissen, wo meine Liebsten waren. Aber sie hat jede Spur verwischt. Alle ihre Passwörter geändert. Das Telefon ausgeschaltet. Ich überprüfte unsere Kreditkarte, nichts. Jemand muss ihr seine Karte geliehen haben, aber wie hat sie die Tickets bezahlt? Würde mir das Bankkonto etwa Auskunft geben? Ich versuchte mich einzuloggen. Falsches Passwort. Konnte es tatsächlich sein, dass sie mir den Zugang zum Bankkonto gesperrt hast. Ich versuchte es beim zweiten Konto. Erhielt Zugang. Und tatsächlich, eine Transaktion von 5000 Schweizerfranken, wohin weiss ich nicht.
In wenigen Stunden, sah ich mich den Kindern beraubt, von meiner Frau verlassen, belogen und bestohlen.
Nach und nach erfuhr ich, wer sie zu ihren Komplizen gemacht hatte.
Sos erzählte mir, wie sie am Montag mit Ausreden die Reisekoffer zu Anfia gebracht hatte. Irfane fügte später hinzu, wie er Anfia traf, als sie mit Reisekoffern nach Ouani fuhr.
An diesem Tag wäre Farida um 5Uhr Morgens draussen im Garten gewesen, bemerkte mir Sos einmal, sie hätte mit Habibi gespielt und sich so von ihr verabschiedet.
Lange wollte ich es nicht war haben und doch wusste ich es, Kanikey, unser letze Besuch aus Deutschland, war eingeweiht. Kann es sein, dass ich einen Gast mit so viel Freude bewirtet hatte, während er heimlich zusammen mit meiner Frau einen Plan entwickelte, die unsere ganze Familie ins Unglück stürzt?
Als ich in der Küche am Boden kauerte, weinte ich um Anjouan. Nein, ich wollte nicht gehen, ich wollte nicht gehen. „Asiat, tsisitsaha hulawa! Tsisitsaha…“
Zu Beginn schon wurde meine Zorn in Trauer und Schmerz erstickt. Ich schrieb Farida aus lauter Verzweiflung und Unverständnis. Warum nur? Wieso? Warum wurde ich so betrogen? Kehr um. Danach fühlte ich nur noch Trauer, Verlust, Reue, Sehnsucht. Ich vermisste die Kinder, hatte Angst um sie, lag Nächte lang wach in ihren Betten. Ich schlief nicht, ass nicht, zwei Tage lang. Am Abend stärkte ich mich mit einem kräftigen Drink, fuhr in die Stadt, trank ein grosses Bier und irrte nachher lange ziellos auf den Strassen umher, ein paar Mal ass ich bei Sos etwas Kleines, zusammen leerten wir ein Glas Rum nach dem anderen.
Warum? Ich fragte mich immer wieder. Warum?
Ich ahnte nichts. Sassen wir nicht am Abend vorher zusammen im Liegestuhl und genossen die Zeit. Was war das am späten Abend für eine letzte Liebkosung von ihr?
Dann begann sie mir zu fehlen. Erneut durchfuhr mich das Gefühl von Verlust. Ich vermisste sie. Was war in sie gefahren? Wo war sie nur? Ich wusste, dass es ihr nicht gut ging und ich bangte um sie. Die Gebete fielen mir schwer diese Tage, die auf mir lasteten wie Mühlsteine, mich zermürbten und erdrückten. Ich flehte und schrie um Erbarmen. Auf den Tasten des Klaviers spielte ich immer und immer wieder, die gleiche, unbekannte Disharmonie.
Ein Freund meinte, ich soll schnellstmöglich in die Schweiz kommen. Nur eines im Kopf und Herz, Zusammensein.
Ich hatte kein Geld mehr und so lieh mir Joseph 100’000 Francs, damit ich den Flug nach Daressalam buchen konnte. Der Freund reservierte mir die Weiterreise über Daha nach Zürich.
Ich lief mit Habibi die Strasse nach Patsy runter, über mir schoben sich Wolken über den Sternenhimmel. In völliger Finsternis stolperte ich durch die Strassen und Gassen, dicht neben mir unser treue Hund. Es war diese Stille und Dunkelheit, diese Leere, wo ich mich nun geborgen fühlte. Dieses Suchen mit dem Wissen nicht finden zu können. Sich zu verlieren im Verlorensein und nie mehr zurück zu finden. Einen Ausweg in der Ausweglosigkeit zu finden. Ich wünschte mir eine Tür, aus Flechtwerk, Wellblech oder Stahl, die sich in dieser Finsternis öffnete, mich einlud einzutreten, sich hinter mir schloss und sich danach nie mehr öffnete.
Ich legte mich in die Hängematte, über mir der mondleere Himmel, der warme Wind rauschte in den Bäumen. Ich schaukelte hin und her.
Ich begann diesen Ort, die Menschen zu lieben, innig und leidenschaftlich. Und wieder flehte ich zu Gott im Himmel, ich möchte nicht gehen, ich möchte nicht.
Ich lachte die Kinder an, die nach mir schrieen, redete mit den Mädchen, die mir zuwinkten, begab mich in Menschengedränge, die sich auf der Strasse bildeten.
Nein, ich wollte nicht gehen.
Die wenigen Informationen die ich über den Verbleib meiner Familie hatte, entpuppten sich immer wieder als Lügen. Die wenigen Verbindungspersonen wurden manipuliert oder ebenfalls belogen.
Ich schrieb Kanikey nach Frankfurt voll Abscheu für diese hinterhältige Frau mit gespielt lieben Worten und ohne Scham schrieb sie mir, den Kindern ginge es gut, Farida würdest Nächstentags nach St. Petersburg fliegen.
Meine Abreise rückte näher und näher. Die Tage waren erdrückend, die Nächte lang und intensiv. In einer Woche hatte ich 5kg verloren. Ich räumte mein Büro, Marwan half mir. Hätte ich jetzt noch können, hätte auf mein Herz gehört, wäre ich geblieben.
Dann kam die Information, Farida sei immer noch in Deutschland, nicht in Russland. Bevor ich meine Reise begann, sollte noch ein weiterer Trick gespielt werden. Sie liess ein Hoffnungsschimmer aufflackern und abrupt ersterben.
Ich könne Anna haben. Das Spiel mit den Kindern begann. Alles täte ich, was sie wollte. Ja, wenn nur ein kleiner Teil meiner Familie wieder hergestellt hätte werden können. Dann die hämische, sadistische Antwort; Doch nicht.
Ich kaufte 25kg Hühnerfutter. Zählte die wenigen verbleibenden Banknoten und verteilte sie. Sos brachte mich an den Flughafen und hastig, wie es seine Art ist, verabschiedete er mich. Ich glaube, er wollte es möglichst kurz halten, um allzu starken Emotionen keinen Raum zu geben.
Ich setzte mich in der Abflughalle in die hinterste Ecke, apathisch, deprimiert und einsam. Unter Tränen schrieb ich nach Hause:
„Nach all den überwältigenden Gefühlen der letzten Tage, dem Schmerz des Hintergangen und Betrogenen, und der erneut in unerwarteter Intensität erweckten Leidenschaft für die Menschen und ihren Ort hier, frag ich mich: Wäre mir nicht ein andere Option zu reagieren geblieben? Ja, ich bin durch den Schmerz hindurch zur Überzeugung gelangt, dass ich nicht nur Farida vergeben kann, sondern auch bereit bin, ihren Feldzug bis zum Ende durchzuhalten, um so zu retten, was mir jetzt wie Sand zerrinnt.
Ich hätte Farida, einfach von Anbeginn gedemütigt Folge leisten können, ihr E-Mail so akzeptieren können, auf der Insel bleiben, meine Arbeit tun und warten bis sie zurückkommt, wann sie es möchte.
Habe ich einen Sturm ausgelöst, den ich hätte, mit genügend kühlem Kopf, nicht auslösen müssen. Bin am Ende ich selber Schuld, wenn alles in Brüche geht. Laut Seelsorger handelt es sich hier ja um eine durchaus mögliche Art seinen Lebenspartner zur Einsicht zu bringen.
Ich frage mich, wäre das nicht der bessere Weg gewesen? Ist es noch möglich umzukehren, cool zu bleiben?“
Ich blickte auf und sah ein Flugzeug zu der Startpiste rollen. War das meine Maschine, hatte ich das Boarding verpasst. Irritiert sprach ich den Steward an. Nein, es war nicht mein Flug. Zehn Minuten später bestieg ich das Flugzeug Richtung Daressalam.
Was war das für ein Leben, voller Abenteuer, Erfüllung und Wunder. Wäre es hier zu Ende. Ist es nicht zu Ende? Wieder schleuderte uns eine Windböe umher. Schlingernd setzten wir zur Landung auf Grand Comores an. Der Regen schlug an die Fenster. Wenn sich mir doch nur die Tür in der Dunkelheit öffnete, sich hinter mir schloss, für immer.
Unterdessen war Farida ja in Russland angekommen:
„Wir sind gut in St Petersburg angekommen. Meine Familie sind überglücklich die Kinder endlich sehen zu dürfen. Danke euch für das Verständnis! Wir sehen uns bald.
In treuer Liebe
Farida“.
Oder doch nicht?


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