2. Oktober 2019
Diesen Morgen hat es frischen Tau und seine Tröpfchen klammern sich an die winzigen Grashalme, die über Nacht durch den staubigen Boden gedrungen sind. Regen nach vier Monaten Trockenheit, ein Abend lang Licht, mal nicht von der Petrollampe, nach Wochen ohne Strom, Benzin für meinen Land-Rover oder ein kühles Coca-Cola.
Mag sein, dass man Dinge erst zu schätzen lernt, wenn sie fehlen, weil wenn sie fehlen, sie mit der Zeit Unbehaglichkeit, Lähmung und Krämpfe verursachen, doch ist die Freude an ihrer Rückkehr, so flüchtig sie auch ist, viel erwähnenswerter.
Die kühle feuchte Luft die mir der Fahrtwind entgegenbringt, wird mir bald heiss und stickig den Schweiss aus jeder Pore treiben. Ich rase auf meinem Velo die Strasse hinunter, vor mir erstreckt sich das weite Meer.
Tagelang war es derart durch Windböen aufgewühlt, dass sich kein Fischer mehr hinaus wagte. Das hatte den Preis für ein Kilogramm Fisch ziemlich in die Höhe getrieben. Dumm nur, dass wir die eine Hälfte mit grossem Appetit genossen und die andere im Kühlschrank, ohne Strom schon lange nicht mehr im Betrieb, für den den Folgetag aufhoben. Zwar schmeckte der Fisch immer noch vorzüglich, doch büssten wir anschliessend den Genuss alle mit feurig-roten Köpfen, bis sich gegen Abend die gewöhnliche Hautfarbe Und Körpertemperatur wieder einstellte.
Von Stromversorgung war kaum mehr zu reden, die so schlecht geworden war, dass man nur alle paar Tage während zweidrei Stunden mit Strom rechnen konnte. Das reichte knapp für einen Waschgang. Die Abende waren dunkel und unsere messingene Petrollampe war Gold wert, falls sie funktionierte, nicht gerade wieder einmal das Glas, der Leuchtstrumpf oder die Düse kaputt war und ich mich fragte, wieso diese 100Jahre alte deutsche Ingenieurskunst so fragil, orginalbelassen und bei den hiesigen Fischern doch so beliebt war.
Nachdem ich zwei Stunden lang vergeblich darauf gewartet hatte, dass ich endlich an einen Schalter gerufen wurde, erkundigte ich mich bei der Angestellten über den Grund des Stillstands. Sichtlich erbost über die verlorene Zeit und die unterlassene Mitteilung, dass die Energiekrise auch die Bank heimsucht, verliess ich das Gebäude.
In der Stadt ist die Situation sonst ein wenig entspannter. In Mutsamudu hat es jeden Abend Strom, in Ouani meistens Morgens.
So fasste ich den Entschluss eine Solaranlage zu installieren, kaufte zwei grosse Batterien und vier Solarpanele.
Dazu war ein erneuter Gang zu Bank unerlässlich, wo ich mir, so seit einigen Monaten üblich, ein Ticket schnappte und mit einem Blick auf die Anzeige ausrechnete, dass mir mit meiner 307 sicherlich zwei Stunden blieben, bis ich an der Reihe war. So begab ich mich auf eine kleine Promenade, von welcher zurückgekehrt, ich mich beim Wachmann nach den Entwicklungen Drinnen erkundigte. Er kramte geheimnisvoll in seiner Tasche und bot mir die Nummer 297 im Tausch mit meiner 307 an, die ich dankend annahm. Kurze Zeit später hatte ich das nötige Kleingeld in der üblichen Form eines dicken Geldscheinbündels.
Das Glück unserer neusten Errungenschaft hielt nur so lange an, bis ich einsehen musste, wie viel Sonne auf wie viel Fläche tatsächlich nötig waren, um einen Kühlschrank und zwei Glühbirnen zu betreiben. Aber immerhin können Wir uns gelegentlich wieder auf ein gekühltes Feierabendbier freuen.
Die ANPI, Agence Nationale pour la Promotion des Investissements, leitet die Gründung unseres Unternehmens Atelier Ndzuzuri. Letztlich lud die Agentur zu einer Sitzung ein. Ich fand mich an einem Tisch mit zwei Duzend der wichtigsten Unternehmer von Anjouan wieder. Das lebhafte, hin und wieder philosophisch geführte Podiumsgespräch liess Geschäftsführer und Beamte die politischen, gesellschaftlichen und infrastrukturellen Hindernisse erklären, die die Geschäfte auf Anjouan stören.
Man stellte zuerst mit bedauern fest, wie am inzwischen steinigen, schmutzigen Ufer der Insel, nach Meersand unter den Steinen und unter dem Meeresspiegel gesucht wird, dass die Produktion von Betonsand den Bedarf für die vielen spontanen, nie abgeschlossenen Bauvorhaben nicht decke. Hatte ich selber einmal bemerkt, dass man die Sandstrände in ihrer heutigen Form, am besten von alten Sultansitz aus sähe, der über Mutsamudu seine rostigen Kanonen auf Meer hinaus richtet, darunter ein wüstes Wirrwar von rohem Beton, dass mehr die schmalen Gassen dazwischen formt, als die Behausungen wofür er und die hervorstehenden Armierungseisen verwendet wurden.
Man beklagte die hohen Zölle, die den Import von Halbzeugen, de facto die Produktion vor Ort nicht lukrativ machen.
Es fehlt an Fachpersonal, welches jeweils von auswärts gesucht werden muss und die Einsicht, dass nicht der Staat alleine für dessen Herausbildung zuständig ist.
Ich war mit dem letzten Tropfen Benzin nach Hause gekommen. Von uns Zuhause ist es möglich, bis nach Ouani zu rollen, falls nötig, wenn die Tankstelle keinen Treibstoff hat, noch weiter durch enge Seitenstrasse bis zum Meer, wo die Fischer für ihre Aussenborder ihre Zapfsäule haben. Der Tankwart zuckte nur mit den Schultern, kein Treibstoff mehr. Die ganze Insel wartet seit Tagen darauf, bis der Tanker von Moroni eintrifft. Selbstverständlich geht´s von Meereshöhe mit leerem Tank nicht weiter. So bettelte ich, um einen einzigen Liter der sich bestimmt noch irgendwie finden liesse und tatsächlich lockte ich ihm eine letzte Petflasche Benzin aus dem Vorrat.
Ich stellte die Kilometeranzeige auf Null und rechnete, dass ich damit exakt neun Kilometer machen könnte und fuhr los. Mutsamudu und zurück würde nicht drin liegen, 14Km. In seiner Achse aber lagen die Tankstellen, die ich nun abklapperte. Kawuh,´Nichts`. Meine Uhr zeigte schon 4km. Ich liess die Hoffnung auf eine Rückkehr schon fallen, als sich vor mir Autos und Motorräder stauten. Tatsächlich gab da dieses Tankstelle noch Benzin heraus. Dass ihre Reserven nicht versiegt war, war dem Umstand verschuldet, das durch den fehlenden Strom, die Pumpen ebenfalls nicht funktionierten.


Kommentar verfassen