6. August 2019
Rauschen des Meeres, der Gaslampe, Wind der das Moskitonetz verweht, die Hühner fallen vom Baum, die Schildkröte siecht, Leute kommen, gehen, Sachen fehlen. Dröhnen der Blechtrommeln, des Schreigesangs, Expolsionen in der Stadt, deren Treiben man weit oben auf dem Berg noch hört, weit draussen in Wellen und Motor erstickt, zur trügerischen Stille einer einsamen Insel, wo sich doch Jemand herumtreibt, die Flut das Land und beinahe Ausrüstung verschlingt. Im Boot, auf Autos, Bussen, Motorädern zu Rendez-vous mit Notabeln, die mal da sind, mal nicht, allerlei organisieren, bestellen und transportieren.
Vor vier Wochen sind Scheideggers mit ihren beiden Buben gelandet, gestern wieder abgereist. Nach knapp zwei Jahren auf Anjouan wollten sie Ihr Hab und Gut veräussern, sich verabschieden. Eine nette Gelegenheit mit Landsleuten Zeit zu verbringen, auszutauschen und angestammte Gewohnheiten zu pflegen.
Hie und da kommt Wind auf. Bei Nacht entwickelt das mit all den Bäumen im Garten ein regelrechtes Brausen, das einem den Schlaf rauben kann, wenn dazu ein plötzlicher Luftzug, geschlossene Fenster gibt es hier keine, eine Tür oder Laden zukrachen lässt. Die Hühner schlafen lieber auf dem Madarinenbaum statt im Stall und es war inmitten einer dieser Nächte, als lautes Gegacker ausbrach. Am nächsten Morgen lagen drei Hennen erstarrt am Boden, was die absurde Idee aufkommen liess, dass der Wind sie vom Baum gefegt und am Boden aufgeschlagen den Tod gefunden hätten. Da das Federvieh doch Flügel, zudem nicht gestutzte, besitzt, lag auch eine andere Theorie auf der Hand, die auf einen Zwischenfall vor einigen Tagen zurückweist. Da stand nämlich ein Bauer am Tor und beklagte sich über die Hühner, die die Mauer überstiegen und sich an seinem Maniokfeld gütlich taten. Was wir denn unternehmen sollten, da doch unsere Art der Haltung landesüblich sei, ja überall Hühner auf Land und Strasse flanieren, mit dem Unterschied, dass wir Unsere gut mit Futter versorgten. Dass wir einen geschlossenen Stall errichten sollten, war eine sonderbare Forderung, über die sich Sos, der sich zu der Unterhaltung gesellte, erboste und den Mann schalt, er solle sein Acker selber schützen. Die Windstosstheorie wich der eines feigen Giftattentats, dessen Täter sich auf Anfrage unserer neuen Hausfrau seiner Geimeinheit gar nicht schämte. Gelegenheit meine neuen Verbindungen zur Polizei auszutesten.
Der Polizeichef meldete sich erfreut und diensteifrig. Wir liessen es dann aber bei einer Meldung des Vorfalls, als Warnung für den Gemüsebauer, bleiben.
Man sieht es ihr nicht an, seit Wochen in ihrem Panzer versteckt, wiegt die verletzte Schildkröte kaum noch die Hälfte ihres Gewichts. Farida behandelt sie täglich, wäscht ihr die verklebten, milchigen Augen, flösst ihr Wasser ein. Nach fast einem Monat hat sie das erste mal einen Bissen Salat gegessen.
Scheidegger haben bei uns ihr Abschiedfest veranstaltet und ihre Waren feil geboten. Als mit dem Eindunkeln die Gäste verschwunden waren, war das Mobiltelefon von Beat ebenfalls weg. Enttäuscht über den Verlust und in Überlegungen wer dafür verantwortlich sei, bot sich uns am nächsten Morgen ein merkwürdiges Rätsel. So fanden wir nämlich an der hinteren Hauswand auf dem Kieshaufen diverese Utensilien von Scheideggers, die nicht zum Verkauf geboten waren, sondern sich im Zimmer befanden, worin niemand Zutritt hatte und es schwer hinzugelangen war, darunter den neuen Laptop von Beat und eine Schnellbildkamera. Nun fehlte auch noch ein älterer Laptop und einige Kleinigkeiten. Später sollten wir feststellen, dass auch uns eines der Mobiltelefone fehlte, dass wir als Geschenk mitgebracht hatten.
Noch ein ärgerlicher Diebstahl blieb mir nicht erspart. So hatte ich von einem Freund eine Luftpumpe ausgeliehen. Als ich sie einige Tage später zurückbringen wollte, parkierte ich mein Auto neben dem Basketballplatz. Nach dem Spiel war die Tasche mit der Pumpe weg. Man sagt hier, das Diebställe selten von Fremden begangen werden, sondern von Freunden, Familienmitglieder. So sind Hochzeitsgaben, das sind Goldschmuck und Geldscheine, häufige Beute, wenn sich im dichten Menschengedränge oder bei einem Stromausfall zum Stehlen Gelegenheit bietet.
Sie kommen aus Marseille, Paris, Nizza, Montral oder LaReunion. Jeviens nennt man sie, die jeden Sommer für einige Wochen ihre Heimat besuchen. Sie bauen an ihren Wohnungen und feiern Hochzeiten. Letzlich war Farida nicht nur als Gast sondern, als Sängerin an ein Tari, das Fest der Frauen, eingeladen und stahl so, die Gesellschaft bestens über den ungewöhnlichen Auftritt amüsiert, der Braut die Show.
Findet man über die gewunden oft steilen Pfade auf die Hügel, sieht man Mutsamudu und wie das Meer die Insel umgibt, immer noch hört man, wenn auch dumpf und leise, das Aufheulen der Personenbusse, eine Autohupe, Rufe und anderes, aber es ist schön hier oben. Dort am westlichen Ende streckt sich eine Landzunge ins Wasser, taucht unter und als kleines Inselchen steigt sie nochmals kurz empor. Auf diese einsame Stück Land steuerten wir zu, gerade spühlte die aufgeworfene Gischt dem erschrockenen Elia den Kopf. Ich drehte den Motor ein wenig hoch, wollte ich die Insel noch erreichen, bevor die Ebbe das breite, flache Riff freigelegt hatte, an welchem sich die Wellen schon brachen. Ein wenig nevös suchte in nach dem Eingang durch die Brandung, fand ihn und setzte das Boot dahinter auf festen Grund. Wir waren zu spät dran, bis zum Ufer blieben mindestens ein Kilometer knöcheltiefes Wasser. Das Boot verankerte ich an einem Stein. Bei Einbruch der Flut musste ich rechtzeitig zurück sein. Es regnete leicht und war kühl, was die Kinder wenig störte, die einem grausigen Fund unterssuchten. Der entleerte Panzer einer riesenhaften Schildkröte, daneben lang deren Kopf, gross wie eine Kokosnuss. Auf dem Eiland hatte jemand einige Bungalos erichtet, auf einem Plateau stand eine Hütte mit Kochstelle, Tische und Bänke standen unter einem Mangobaum und hier wie überall suchten Hühner nach essbaren Überresten im Nachlass des Menschen.
Das Wetter klärte auf, wärmte und ermutigte uns zu Erkundigungen, was uns zu einer Bucht führte, teils mit Mangroven bewachsen, teils gelber Sand, wo ein Boot die Anwesenheit eines Besuchers verriet. Wir brieten Geissensparribs. Der gefüllte Bauch verleitete zu einem Schläfchen, doch entschloss ich mich zu einem Spaziergang, stand auf und warf einen Blick aufs Meer. Mit Erschrecken stellte ich fest, dass sich unser Boot hin und her bewegte, die Flut also schon früher als erwartet eingesetzt hatte. Die Distanz zum Boot betrug einen Kilometer knöcheltiefes Wasser über raues bissweilen scharfkantiges Gestein. Die Ausrüstung in Gefahr, watete ich immer schneller, sah bald, wie die Wellen auf das Boot trafen. Mein Flipflop riss, barfuss eilte ich weiter, hoffte auf keinen Seeigel zu treten, das Riff zerstach und zerkratzte mir die Füsse. Endlich erreichte ich das umspühlte Boot und machte es von seiner Verankerung frei. Das Wasser lang nun 20 Zentimeter über dem Grund, so zog ich das Boot am Strick ans Ufer. Die Kinder plantschten am Strand. Bald standen die Mangroven unter Wasser, die dagelegene Barke trieb auf und brachte ihren Steuerman zum Vorschein, der hineinsprang und davonrauschte.


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